Ziellos
Ich habe eine Liebe. Und was hast du? Wie geht es dir. Manchmal ist es schwer, sich einzugestehen, wie sehr ich dich mag und wie wenig ich mich mag und wie sehr ich mich dafür hasse, wie ich die behandle. Du lachst. So, wie man eben lacht, wenn man betrunken ist und eigentlich nicht mehr weiß, worüber man gerade lacht. An manchen Tagen denke ich viel an dich und an manchen Tagen denke ich mehr an dich und an keinem Tag denke ich nicht an dich. Ich renne viel und wenn ich renne, denke ich nicht an dich und wenn ich stehen bleibe denke ich auch nicht an dich. Ist es mein Fehler nicht lieben zu können. Ist es mein Fehler, dich zu lieben. Ich dachte nicht, dass es so enden wird und ich dachte niemals, dass es so beginnen würde. Mit uns. Wenn ich renne, sehe ich die Blitze am Himmel und die an mir vorbeirasenden Gesichter der Stadt und wenn ich renne, falle ich hin, vom vielen zu den Blitzen am Himmel hochschauen. Das Schöne haut einen irgendwann um und wenn ich auf dem Boden liege und ich darauf warte aufzustehen, schaue ich zu den Blitzen hinauf und spüre, wie die Kälte von meinem Rücken zu meinen Beinen hinabsteigt. Das Schöne haut einen irgendwann um und eigentlich ist irgendwann: immer. Wie geht es dir. Fragezeichen. Ich denke an dich, gerade. Und ich denke, manchmal ist das alles sehr schwer zu ertragen. Ich und dieser Rest, der manchmal groß ist, aber nie größer als du. Wenn du betrunken bist, ertrage ich dich nicht und wenn du komische Laute in der Nacht von dir gibst, auch nicht. Aber nie ertrage ich dich so wenig, wie mich selbst und diesen anderen Rest, den ich dir nicht erklären kann, weil ich mir selber nichts mehr erklären kann und weil ich dir nicht erklären kann, wer ich bin oder wieso ich so bin. Ich kann es dir nicht erklären, weil ich weiß, dass dich das nicht interessieren würde, weil ich weiß, dass du es nicht verstehen würdest, weil ich weiß, dass dich andere Dinge mehr interessieren. Dinge, wieso die Musik in verschiedenen Clubs besser ist und Dinge, wieso der Alkohol an manchen Tagen mehr wirkt als an anderen Tagen und Dinge, wieso deine Haare heute nicht liegen. Niemand kann mein Herz brechen, außer dir. Wie geht es mir. Auf deinem linken Knie liegt Schorf. Ich pule ihn dir ab. Neue Haut. Neues Leben. Ohne mich. Mit dir? Heute war der Abgrund schmal und meine Schultern waren das auch und der Wein war warm und meine Stirn war das auch. Heute war der Himmel voller Wolken und Blitze und mein Kopf war das auch. Als ich gestern auf dem Boden lag und mir die Blitze anschaute, so, als sei ich ein drei-jähriges Kind, das zum ersten Mal einen Schmetterling wahr nimmt, so, als sei ich ein 24 jähriger Junge, dem zum ersten Mal bewusst wurde, wie viel schief und wie wenig richtig eigentlich läuft, so, als sei ich ich und als seien die Blitze du. Es geht okay. Du brauchst dir keine Sorgen zu machen. Du wirst mir nicht entkommen, niemals. Als ich gestern auf dem kalten Bordsteinrand lag und versucht habe aufzustehen oder nach irgendeinem Halt zu greifen, kam ein Straßenmusiker vorbei und legte sich neben mich und sah mit mir die hellerleuchteten Blitze in meinem Kopf und fing im Liegen an auf seiner Gitarre zu spielen und sagte „Los“ und ich sagte „Nein.“ und er sagte „Los.“ und ich sagte „Ich kann nicht singen.“ und er sagte „Glaubst du, das interessiert jetzt jemanden?“ und ich fing an zu singen und im Liegen zu tanzen und sah dabei vermutlich aus wie eine Raupe. Der Straßenmusiker spielte und spielte und ich stand auf und fing an zu schwimmen, ohne jemals gewusst zu haben, wohin.
Das Mädchen mit den kurzen, blonden Haaren
Das erste Mal, dass ich mich für ein Mädchen geprügelt habe, war in der 6. Klasse. Das Mädchen hieß Anna und ich war seit der 1. Klasse in sie verliebt. Zu der Anna-Prügelei kam es, weil mein bester Freund Thomas auch in Anna verliebt war. Wir fanden es also nur fair uns um sie zu prügeln. Der Gewinner möge Anna bekommen, ganz gleich, was Anna davon hielt und ob sie den Gewinner überhaupt haben wollte.
Die Anna-Prügelei fand nach der Schule auf dem Pausenhof statt, weil wir der Meinung waren, dass wir das, wenn wir uns schon prügeln, unter tosendem Geschrei der Mitschüler tun sollten. Anna war nicht da, ich redete mir kurz vor dem ersten Schlag ein, dass sie bei sich zu hause auf mich wartet, um mich, den großen Gewinner, mit Küssen zu überdecken.
Die Prügelei muss ziemlich peinlich und demütigend ausgesehen habe, ich konnte beim Prügeln spüren, dass bei unserem Kampf kein Hauch von Bud Spencer Schlägen in der Luft lag. Der Kampf war relativ schnell zu Ende, sehr zum Unmute der grölenden Menge.
Als ich alleine nach hause lief, malte ich mir aus, wie Thomas gerade von Anna mit Küssen überhäuft wird und ich bestimmt noch 20 Jahre auf meinen ersten Kuss warten muss.
Das zweite Mal, dass ich mich für ein Mädchen geprügelt habe, war vor einigen Wochen auf der Tanzfläche. Das Mädchen hatte kurze, blonde Haare und ich mag kurze Haare bei Mädchen sehr. Ich kannte das Mädchen nicht, redete mir aber ein, dass ich gerade dabei bin mich unsterblich in sie zu verlieben. Als ich sie auf einen Drink einladen wollte, kam mir blöderweise jemand zu vor, er sah aus, als würde er aus Hohenschönhausen kommen. Oder aus Friedrichshain, was tendenziell das Gleiche ist. Irgendwie kam eins zum Anderen und ich lag schon wieder auf dem Boden und ließ mir von meinem Kampfpartner „Du scheiß Hurensohn!“ ins Ohr schreien, was ich irgendwie beeindruckend fand, keine Ahnung, wieso. Mein Hemd war ziemlich schmutzig, es war übersäht von Schuhabdrücken und nicht erst da wusste ich, dass es bestimmt angenehmer ist, von Küssen überhäuft zu werden, als von Schuhen.
Als mein Kampfpartner die Flucht ergriffen hat, ging ich stolz zu dem Mädchen, mit den blonden, kurzen Haaren, weil ich fest davon überzeugt war, dass sie sich jetzt auch unsterblich in mich verliebt hat, schließlich habe ich mich um sie geprügelt, aber, nun ja, versteh einer die Frauen …
Als ich alleine und verlassen in meinem verdrecktem Hemd die Kastanienallee nach hause lief, sah ich außer ein paar Obdachlosen und den üblichen Szeneleuten, die ihr Leben damit verbringen, die Kastanienallee rauf und runter zu laufen, in der Hoffnung, entdeckt zu werden, niemanden.
Mir war in diesem Moment nicht nach Entdecken zu mute und so kaufte ich mir eine Sprite an der nächsten Ecke. Die Sprite war ziemlich lecker, kalte Sprite ist einfach das Beste. Ich lief trinkend weiter und einer der Obdachlosen kam zu mir und fragte mich, ob ich die Flasche noch brauche, da seien 15 Cent Pfand drauf. Ich deutete schweigend auf die Flasche, die noch so gut wie voll war. Der Obdachlose fragte, ob er die Flasche haben kann, wenn ich sie ausgetrunken habe. Ich nickte und so liefen wir beide nebeneinander die Kastanienallee hoch. Er erzählte mir, dass er gestern ausgeraubt wurde und ich habe mich gefragt, was man einem Obdachlosen klauen kann, fragte aber nicht, weil mir das unangenehm war. Wir kamen an der Zionskirche vorbei und ich sagte ihm, dass ich da kurz vorbeischauen muss, weil es eine blöde Angewohnheit von mir ist, der blöden Zionskirche beim Wiederaufbau zu helfen. Vor dem Eingang hängt ein Krug mit Schlitz, in den man Geld reinstecken soll, damit die dringend benötigten Renovierungen vorangetrieben werden können. Seitdem ich mich aus Langeweile im letzten Jahr in die Kirche gesetzt habe und mich der Pater zu einem religiösen Menschen erziehen wollte, sehe ich es als meine Lebensaufgabe an, der Kirche beim Wideraufbau zu helfen. Inzwischen hat die blöde Kirche bestimmt schon 300 Euro von mir, aber getan hat sich immer noch nichts. Ich glaube, der Pater macht sich einen schönen Lenz mit meinem Geld.
Als ich einen 5 Euro Schein in den Schlitz steckte, sah der Obdachlose den Schein sehr schmerzvoll an, so, als würde es dem Schein wehtun, dort in den Schlitz gesteckt zu werden. Ich glaube, er dachte, dass sich der Schein bei ihm in der Hosentasche wohler führen würde.
Wir liefen weiter ich bat dem Obdachlosen auch einen Schluck an, damit die Flasche noch schneller leer wird, aber der Obdachlose meinte, dass er Diabetes hat. Das hat mich umgehauen. Ein Obdachloser mit Diabetes! Ich musste also die Sprite alleine austrinken und dachte darüber nach, womit man Mädchen denn überhaupt noch beeindrucken kann. Wenn man sich für sie prügelt ja anscheinend nicht. Dann dachte ich, dass man sie vielleicht gar nicht beeindrucken, sondern einfach nur flachlegen muss. Dann dachte ich aber wieder, dass man sie doch erstmal beeindrucken muss, um sie flachlegen zu können. Die Welt ist wirklich kompliziert, ich glaube, da war sich der Obdachlose mit mir einer Meinung.
Als wir an meiner Wohnung ankamen, standen wir uns beide gegenüber, so, wie in Filmen, wenn eine Frau und ein Mann nach dem ersten Date vor der Haustür stehen und nicht wissen, ob sie sich jetzt küssen sollen. Nur, dass ich den Obdachlosen nicht küssen wollte, ich wollte ja das Mädchen mit den blonden, kurzen Haaren küssen, diese blöde Fotze! Ich trank den letzten Schluck aus und gab dem Obdachlosen die leere Flasche. Er hat sich wirklich gefreut und sich dreimal dafür bedankt. Zum Abschied hab ich ihn noch gefragt, ob er mein schmutziges Hemd haben will. Er war ziemlich aufgeregt, ich glaube, er dachte, ich bin der Weihnachtsmann. Ich zog mein Hemd aus und schenkte es ihm. Als ich die Tür aufschloss, sagte ich ihm noch, dass er aufpassen soll, nicht, dass ihm das Hemd wieder jemand klaut. Aber das hat der Obdachlose nicht mehr gehört. Er war schon zu weit weg.
Der Moment
Die Fotos aus Kinder- und Jugendtagen im Flur sind nicht mehr mein zu hause und mein Zimmer ist nicht mehr, als ein kleines, Bilderloses Zimmer mit einem Klappbett und einem Fleck an der Wand.
Vergangenheit ist nicht vergangen und das, was da noch kommt, will ich in diesem Moment nicht wissen, weil ich es mir in diesem Moment nicht vorstellen kann.
Ich möchte mich verlieben. Dieser völlig abscheuehrliche Gedanke kam mir vor zwei Stunden, als ich in der Dusche stand und masturbierte.
Wie schmeckt Sperma?
Wie schmeckt mein Leben?
Was ist m – e – i – n Leben?
Dieser Platz ist dein Muttermal auf deiner Hüfte und wenn du an mich denkst, bekomme ich Schluckauf und ich würde mir wünschen, ich hätte 24 Stunden am Tag Schluckauf, doch die Wahrheit sieht, wie immer, anders aus.
Ich bekomme einmal im Monat Schluckauf und in der restlichen Zeit warte ich auf genau diesen einen Augenblick, in dem ich Schluckauf bekomme.
Die vergessenen Freunde tragen inzwischen einen Bart und hören Hip Hop und wenn ich mit ihren rede, fehlt mir der Gedanke daran, wie es dazu kam, dass wir früher einmal gemeinsame Wege gegangen sind.
Es waren Zeiten, in denen Dinge unser Leben waren, die heute unvorstellbar sind.
Wir sammelten Sticker in den Hofpausen, ärgerten Mädchen und wenn diese uns näher kamen, liefen wir rot an und bekamen keinen Ton heraus.
Dinge ändern sich nie – Zeiten aber schon.
Diese Zeit ist verbrannt, so wie die Fotos von mir und dir, so wie die Momente zwischen uns, die niemals da waren, nur in meinem Kopf, nur in meinem Bauch, da wo jetzt die Medikamente sich vermehren und ich darauf warte, dass das Eine aufhört und das Andere beginnt.
Wann beginnt Freundschaft?
Wann endet Schmerz?
Wann beginnt der Tag?
Du warst genug für mich, ich brauchte nie mehr. Ich brauchte nichts zu essen und ich brauchte keine Drogen und ich brauchte keine Medikamente und ich brauchte keine anderen Mädchen.
Du warst genug. So genug, dass du es nie ertragen konntest.
Davor. Danach. Jetzt:
„Siehst du mich?“
„Nein, ich glaube nicht.“
Als du fort warst, merkte ich erst, wie groß mein Bett eigentlich ist. Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich mit der rechten Bettseite anfangen soll. Ich könnte dort Blumen pflanzen oder ich könnte Kuscheltiere dort lagern oder ich könnte mir vorstellen, dass du niemals dort gelegen hast, aber die Wahrheit ist mal wieder eine andere.
Die rechte Seite war deine Seite und die Decke war ein einziger Kampf und die Flecken auf meinem Laken unsere und das Blut auf meinem Kopfkissen deines und die Tränen auf meinem Kopfkissen niemals meine, weil ich niemals um dich weinen würde, du scheiß Fotze.
Das Unverständnis und der daraus resultierende Hass auf dich würde kommen, soviel stand fest.
Nur der Zeitpunkt stand noch in den Sternen.
Der Punkt war, dass ich niemals verstanden habe, wieso du nie auf meiner linken Bettseite liegen wolltest und wieso du immer gesungen hast und wieso du nicht kochen konntest und wieso du immer kalte Füße hattest.
Der Zeitpunkt, an dem der Hass kam, war irgendwann in einer Nacht, als ich mir vorlog, dass nicht ich Schuld an allem bin, sondern du.
Ich verfluchte dich und deinen neuen Freund, der viel zu hässlich und fett für dich ist.
Ich verfluchte dich und deine kalten Füße und deine Pflanzen auf meiner rechten Betthälfte und ich verfluchte mich, weil ich irgendwann mal etwas für dich empfunden habe.
Ich betrank mich Nächtelang und an den Tagen nahm ich Drogen, damit ich nicht mehr an dich denken musste und damit ich dich nicht verfluchen konnte, weil ich innerlich bei jedem Fluch und mit jedem Schimpfwort gemerkt habe, dass ich mir etwas vormache.
Der Punkt kam, an dem ich deine und unsere Fotos aus der Glut holte und dich und uns nicht vergessen konnte, weil ich dich und uns nicht vergessen wollte.
Die Tränen auf meinem Kopfkissen wurden zu meinen und das Blut kam aus meiner Nase, weil ich mich selbst schlug, weil ich mich selbst hasste und weil ich mich fragte, wieso du nicht geblieben bist.
Ich sah mir unsere Fotos an und wenn ich sie beiseite legte, hörte ich unsere Musik und ich hörte dich mitsingen und ich liebte dich dafür, viel mehr, als du es dir je erträumen konntest.
Ich wollte, dass du mich schlägst und dass ich noch viel mehr blute, weil ich endlich wieder etwas spüren wollte, irgendetwas von dir.
An was glaubst du, wenn nicht daran, dass alles irgendwie zu Ende geht?
An was denkst du, wenn du dich selbst im Spiegel betrachtest?
An was denkst du, wenn du endlich aufhörst zu lügen? Der Punkt, an dem ich beschloss weiterzugehen, ließ noch lange auf sich warten.
Der Punkt hieß „Luisa“ und Luisa fand nur statt, um dich zu vergessen.
Luisa hatte lange Haare, du hattest kurze.
Luisa hatte eine Katze, du hast Katzen gehasst.
Luisa hatte blaue Augen, du hattest braune.
Luisa war Luisa und Luisa war nicht du.
Der Punkt, an dem mein bester Freund mich angeschrieen hat, dass ich endlich aus diesem Loch herauskommen solle, war irgendwann um Mitternacht.
An was glaubst du, wenn nicht daran, dass du irgendwann aus diesem Loch kommen kannst?
An was denkst du, wenn ich dir sage, dass dieses Loch mein Leben ist?
Er schrie mich an und er machte mich betrunken und er lachte viel und ich lachte mit und er schleppte mich auf Partys und er schleppte mich auf Konzerte und er schleppte mich zu fremden Frauen, die mir fremd waren und er fragte mich, wie es mir geht und ich sagte ihm: Gut.
Er glaubte mir. Vielleicht wollte er auch nur nichts anderes hören.Die Fotos im Flur zeigen mich in allen möglichen Lebensjahren. Irgendwie wurde ich von Jahr zu Jahr hässlicher und abstoßender.
Als ich auf der Treppe im Flur saß und der Hund zu mir kam und ich mir meine Schuhe band, versuchte ich mich an das Foto in der Mitte zu erinnern, auf dem ich vor einem Jahr mit einer Mütze auf dem Kopf im Schnee sitze und lache.
Komischerweise habe ich es nicht geschafft.
Was ich nicht wusste
Du sagtest „Ich liebe dich, aber das weißt du ja.“ und ich sagte „Ich habe eine Freundin, aber das weißt du ja.“ und du sagtest „Dann warte ich eben so lange auf dich, bis du keine mehr hast.“ und gleichzeitig lagst du nackt auf meinem Rücken und gleichzeitig dachte ich daran, dass das bitte niemals aufhören soll.
Inzwischen bist du weg und meine ganze scheiß Wohnung mit Balkon riecht nach dir und auf meinem Laken sind Flecken von dir und in der Spüle stehen Gläser mit Lippenstiftabdrücken von dir und im Papierkorb liegen benutzte Kondome und seit dem du weg bist, habe ich keine Lust mehr meine Wohnungstür aufzuschließen, weil ich weiß, dass du da nicht mehr auf mich wartest.
Meine Wohnung habe ich inzwischen geputzt, der Abwasch ist gemacht, die Kondome entsorgt, aber die Flecken in meinem Laken gingen nicht mehr raus. Ich stelle dir das Laken in Rechnung. Du schuldest mir sowieso noch Dinge.
Geld. Eine Flasche Tequila. Vier Küsse. Einen Polaroidfilm.
Und ein weißes Laken.
Hast du jemals gemeint, gemeint, dir würde das Herz brechen? Dir gewünscht, du könntest deine Brust aufschlitzen, es herausreißen damit der Schmerz aufhört? Dieses ewige Hin und Her und Hin und dieses elendige schwarz-weiß Leben? Mein Leben besteht zu wenig aus pink und gelb und grün. Mein Leben ist eine einzige Wunde und unmöglich zu leben.
Der Realitätsverlust setzte irgendwann zwischen drei und vier Uhr ein, als wir Wein aus der Flasche tranken, weil wir beide dachten, dass sich das so gehört.
Die Müdigkeit setzte irgendwann zwischen vier und fünf Uhr ein, als die Sonne aufging und die Vögelbabys in dem Baum vor meinem Balkon anfingen nach Futter zu kreischen und als die Drogen leer gingen, in denen ich schon viel zu lange lebe.
Du badest in Milch und ich in Selbstmitleid und ich trage Haare in meinem Gesicht und du einen Leberfleck auf deinem Kinn und I’ll do graffiti if you sing to me in French und you’ll do graffiti if I kiss you in French.
Ich werde dir hinterherfahren, irgendwohin, ich werde keine Ahnung haben wohin, und ich werde ankommen, bei dir und nirgends, und wir werden uns langsam küssen, weil wir beide denken, dass das so besser ist. Wir werden gemeinsam im See baden und es wird Nacht sein und wir werden gemeinsam rennen und dabei lachen, weil wir denken, dass wir so schneller und fröhlicher sind und ich werde mir die Dinge holen, die du mir schuldest und ich werde zurückkehren zu meiner Freundin und sie härter küssen als dich, weil sie und ich denken, dass das so besser ist und ich werde ihr Frühstück ans Bett bringen und ihre Wunden auf ihren Fingerkuppen lecken und sie fotografieren und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und sie belügen und ihr sagen, dass ich sie liebe und ich werde denken „Ich habe Herzen gebrochen, was will ich mehr?“ und ich werde mir wünschen, dass das alles endlich beginnt.
Der Augenblick
Das erste Mal sah ich Anna, als ich auf meinem Fenstersims saß und sie ihren Müll runterbrachte.
Das erste Mal hörte ich Anna, als ich auf meinem Finstersims saß und sie auf dem Hof eine Frau grüßte.
Das erste Mal hörte ich Anna zu, als ich auf meinem Fenstersims saß und sie Cello spielte.
Anna wohnte im Hinterhaus und ich im Seitenflügel. Meine Wohnung lag über ihrer, weshalb ich in ihre Wohnung hineinschauen konnte, was ich nicht selten tat.
Ich sah ihr beim Kochen, Essen, Fernsehen und Lesen zu und hörte ihr jeden zweiten Tag von 15 Uhr bis 16 Uhr beim Cello Spielen zu.
Es war die Zeit, in der alle Mädchen Anna zu heißen schienen. Annas kamen und Annas gingen und seltsamerweise gingen meistens die Annas, die bleiben sollten.
Es war die Zeit, als in Berlin der Hochsommer ausbrach, ich am Tag mehrmals duschen ging und in der die Schokolade in meiner Jeans schmolz.
Es war die Zeit, die verging.
Anna hatte kurze, dunkle Haare und zog eine Woche nach mir in unsere Hausnummer ein. Ihr Küchenlicht war blau und in ihrem Schlafzimmer hing eine große Landkarte.
In ihrem Wohnzimmer lagen viele Bücher und Schallplatten herum.
Ich glaube, den meisten Platz nahm ihr Cello ein.
Anna hatte einen Leberfleck auf dem Kinn, als ich bei ihr an der Tür klingelte, sie mich entschuldigend fragte, ob sie zu laut spiele und ich schüchtern erwiderte, nein, ganz im Gegenteil. Sie lächelte und ich bat mich selbst in ihre Wohnung, ging durch die Küche in ihr Wohnzimmer, setzte mich auf ihr Sofa und durchwühlte ihre Schallplatten, so, als wäre es selbstverständlich, dass ich jetzt hier bin.
Ich murmelte leise die Namen der Schallplatten vor mich hin.
Ich murmelte leise die Namen der Bücher vor mich hin und war erleichtert, dass ich kein Buch von Hermann Hesse fand.
Sie bot mir einen Kaffee an und ich trank ihn, so, als sei auch das selbstverständlich.
Während sie mich fragend ansah, so, als wüsste sie nicht, ob sie lachen oder mich hochkantig aus ihrer Wohnung schmeißen solle, mich, den Fremden, den sie noch nie zu vor sah, bat ich sie, für mich Cello zu spielen und komischerweise machte sie genau das.
Sie setzte sich auf einen kleinen Hocker und spielte Bilder in mein Ohr.
Anna ist in Prag geboren, was ich erst auf der Hinfahrt nach Prag erfuhr, als sie mit ihrem Vater am Handy über die Beerdigung ihrer Mutter sprach. Bisher hatte sie nichts von sich und Prag erzählt, ich wusste ich nicht einmal, dass wir zu der Beerdigung ihrer Mutter fuhren. Ich wusste ich nicht einmal, dass wir nach Prag fuhren. Als sie mich bat sie im Auto zu begleiten, dachte ich, dass wir einkaufen fahren würden und ich ihr beim Tragen der Tüten in ihr Auto helfen solle.
Während der Beerdigung weinte Anna nicht, seltsamerweise weinte ich aber während der gesamten Beerdigung. Annas Vater küsste mich auf die Wange und nahm mich in den Arm. Ich weinte noch mehr, wobei das Weinen in ein Schluchzen überging.
Das Buffet war lecker und ich glaube, niemand auf der Beerdigungsfeier wusste, wer ich bin, einschließlich Anna.
Ich sah mir die Fotos im Haus ihrer Eltern an. Sie hingen im Flur und im Wohnzimmer und eigentlich hingen sie überall, wie das eben immer so ist bei Eltern. Irgendwann hängt das ganze Haus voller Fotos. Aus Angst, dieses Leben auf den Fotos zu vergessen oder aus Angst, dieses Leben auf den Fotos vielleicht nie mehr zu Gesicht zu bekommen. Die meisten Fotos zeigten Anna. Anna als Kind mit ihrem Cello. Anna mit ihrer Mutter. Anna mit ihrer Mutter und ihrem Vater. Anna mit ihrer Mutter. Anna mit ihrem Hund. Anna mit ihrer Mutter und einem kleinen Jungen. Ich fand kaum ein Foto, auf dem Anna nicht abgebildet war.
Auf der Rückfahrt nach Berlin redeten wir kein einziges Wort miteinander. Wir hörten Musik und ich schlief irgendwann ein. Während ich schlief, träumte ich nichts. Vielleicht habe ich es aber auch nur vergessen, als ich wieder aufwachte und Anna einen Kaffee trank und mich aus den Augenwinkeln ansah und „Hallo“ sagte. Ich sagte auch „Hallo“, so, als sei ich überrascht, dass sie immer noch neben mir sitzt und das Auto fährt.
Ich besuchte Anna jeden zweiten Tag von 15 Uhr bis 16 Uhr, bis meine Besuche irgendwann zur Routine wurden.
Es lief immer gleich ab.
Ich klingelte um Punkt 15 Uhr bei ihr an der Tür, sie öffnete mir, ich ging hinein, sie schloss die Tür wieder, ich setzte mich auf ihr Sofa und sie sich auf ihren Hocker, sie begann zu spielen und ich hörte ihr zu und um Punkt 16 Uhr verließ ich ihre Wohnung wieder.
Veränderungen traten in dieser Zeit kaum ein. Manchmal stand der Kaffee schon neben dem Sofa oder es standen ein paar Kekse auf dem Sofa. Wenn sie sich verspielte, sah sie zu mir auf und grinste mich an und mir fiel in den meisten Fällen nichts besseres ein, als mit den Schultern zu zucken und auch zu grinsen.
Die Zeit verging, der Herbst kam und der Herbst ging und der Winter kehrte ein. Ich fing an auf meinem Fenstersims zu frieren, aber ich konnte nicht mehr ohne diesen Fenstersims und erst recht konnte ich nicht mehr ohne Anna. Das blaue Licht war einem hellen Weiß gewichen und die große Landkarte war von der Wand verschwunden. Um das Sofa herum hing eine Lichterkette und in der Ecke neben dem Schallplattenspieler stand ein kleiner Weihnachtsbaum.
Als ich am 25.12 um 15 Uhr bei Anna klingelte, öffnete sie mir wie immer die Tür und auch sonst war alles wie immer. Außer, dass ich neben einem Kaffee und ein paar selbstgebackenen Weihnachtsplätzchen auch ein Geschenk bekam. Ich entschuldigte mich sofort, weil ich keines für sie hatte, aber sie wedelte nur hibbelig mit ihren Händen hin und her und sagte „Mach schon auf, schnell!“
Ihr Weihnachtsgeschenk waren Premierenkarten für die Philharmonie. Ich wusste nicht, wie ich mich bedanken soll und gab ihr die Hand und ärgerte mich sofort über mich selbst. Sie fing wieder an zu grinsen und eigentlich grinste sie die meiste Zeit.
Wahrscheinlich hatte sie Angst, dass man sie sieht.
Die folgenden zwei Wochen sah ich Anna nicht mehr. Jeden Abend saß ich auf meinem Fenstersims und schaute in ihre leere Wohnung, in der Hoffnung, dass sie nach hause kommt.
Aber sie kam nicht.
Nach zwei Wochen erfuhr ich von ihrer Nachbarin, dass sie nach Prag gefahren ist und übermorgen wieder komme.
Ich war erleichtert und wartete auf meinem Fenstersims auf sie.
In der zweiten Januarwoche klingelte ich um Punkt 15 Uhr an ihrer Tür und sie ließ mich hinein. Sie machte mir einen Kaffee und spielte für mich Cello. Als ich um 16 Uhr gehen wollte, bat sie mich zu bleiben.
In der dritten Januarwoche fuhren wir zusammen zur Philharmonie. Ich erzählte ihr, wie aufgeregt ich sei, weil ich noch nie dort war, aber immer schon einmal hinwollte. Sie erzählte mir, dass sie dort arbeitet und auch nur deshalb an die Premierenkarten gekommen ist. Unsere Plätze waren in der zweiten Reihe und die nächsten drei Stunden würden mir in Erinnerung bleiben.
In der vierten Januarwoche klingelte ich um Punkt 15 Uhr an Annas Tür, aber Anna war nicht da. Ich klingelte noch einmal, aber sie öffnete nicht.
Ich wartete auf meinem Fenstersims auf sie, aber sie kam nicht. Nicht an diesem Tag und auch nicht an den nächsten Tagen.
Ich traf ihre Nachbarin auf dem Hof und sie erzählte mir, dass Anna ausgezogen sei, noch in der selben Nacht, in der wir in der Philharmonie waren. Ich fragte sie, ob sie wisse, wo sie hingezogen ist, aber sie sagte nur, dass ihr Anna ihre Pflanzen geschenkt hat und dann wortlos mit ihrem Cello gegangen ist. Die Möbel würde sie nicht brauchen, auch diese könne sie haben.
Am Abend rief ich die Hausverwaltung an, aber auch diese wusste nicht, wo Anna hingezogen ist. Um ehrlich zu sein, wussten sie nicht einmal, dass Anna jemals dort gewohnt hat.
Ich ging ins Internetcafe und gab ihren Namen bei google ein, aber auch das vergebens.
Ich rief bei der Philharmonie an, aber sie hatten noch nie von einer Anna gehört.
Der Januar ging vorüber und Mitte Februar gab ich die Hoffnung auf, dass Anna noch einmal zurückkommt.
Erst jetzt fiel mir auf, dass ich so gut wie nichts von ihr wusste.
Ich kannte ihren Namen. Ich habe per Handygespräch mitbekommen, dass sie in Prag geboren ist. Ich wusste, dass ihre Mutter gestorben ist. Ich glaubte zu wusste, dass sie an der Philharmonie gearbeitet hat. Viel mehr – wusste ich nicht.
Und erst da fiel mir auf, dass Anna noch weniger von mir wusste.
Im Grunde wusste sie gar nichts von mir.
Nicht einmal meinen Namen. Noch, dass ich in der gleichen Hausnummer, im Seitenflügel wohnte und ihr jeden Abend beim Kochen, Essen, Lesen und Fernsehen zugesehen habe.
Ich glaube, seit dem Augenblick, an dem ich zum ersten Mal an ihrer Wohnungstür klingelte, wartete sie darauf, davonlaufen zu können.
Und ich glaube, seit dem Augenblick, an dem ich zum ersten Mal an ihrer Tür klingelte, wusste ich, dass ich sie nicht aufhalten kann.